Kapitel 1
Die Reise beginnt
„Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein.“
— Jean-Paul Sartre
Der Zug wälzte sich durch die Landschaft wie ein uralter eiserner Lindwurm, der sich knirschend über die Schienen fraß. Das monotone Rattern lag wie ein Herzschlag unter allem, dumpf, gleichmäßig, und doch nicht beruhigend. Der Nebel draußen hing schwer über den Feldern, als hätte er die Landschaft unter ein graues Tuch gezwungen.
Dörfer huschten vorbei, schemenhafte Silhouetten aus schiefen Dächern und verwittertem Fachwerk. Im Dunst verschwanden sie wie Erinnerungen an etwas, das vielleicht nie geschehen war.
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Raven saß am Fenster des Abteils, den Trenchcoat eng um sich gezogen. Das Glas war kalt unter seiner Stirn, und das Spiegelbild, das ihm entgegenblickte, wirkte wie das Gesicht eines Fremden. Blaue Augen blickten ihm entgegen, müde und angespannt; in ihnen lag der Ausdruck zu vieler Nächte, in denen er Schlaf nur als Abgrund gekannt hatte.
Seine Gedanken kreisten nicht um die Landschaft. Sie waren längst bei den verschwundenen Kindern, bei den Gerüchten, die ihn hierhergetrieben hatten — tiefer im Nebel, als ihm lieb war.
Neben ihm hatte Ghost Platz genommen, die schlanken Arme vor der Brust verschränkt, die Augen halb geschlossen. Doch Raven wusste, dass sie nicht schlief. Ghost schlief nie wirklich, nicht außerhalb von Mauern, denen sie vertraute. Ihre Ruhe war nur Oberfläche; darunter lag die gespannte Bereitschaft, jeden Augenblick zuzuschlagen.
„Du bist stiller als sonst“, sagte sie schließlich.
Raven antwortete nicht sofort. Sein Blick blieb draußen, bei den kahlen Bäumen, die wie knochige Finger in den Himmel ragten. Schließlich murmelte er: „Manchmal ist Schweigen wertvoller als Worte. Ich versuche, das Bild zu erkennen, bevor wir es betreten.“
Ein leises Schnauben von Ghost. „Das heißt, du malst dir wieder aus, wie viele Dämonen hinter den Hecken lauern.“
„Dämonen, Menschen — manchmal sehe ich den Unterschied nicht mehr.“
